Das Herz denkt nicht, es fühltDer Debütroman von Jennifer Angersbach
 

@Lieblingssternenstaub

Lieblingssternenstaub

Lea hat meinen Podcast gehört und verstanden und sitzt nun bei mir in der Einzelberatung. Sie ist unsicher was sie braucht, sucht und will. Feststeht, sie ist unzufrieden.

„Ich glaube Du hast recht...“, beginnt sie und fügt unsicher hinzu, „darf ich Du sagen?“

„Klar!“

„Ich glaube MIR fehlt irgendwie ein Sinn. Christian und ich haben lange geredet, er hat sogar Deinen Podcast gehört. Mir fehlt ein Sinn.“

„Im Leben?“, frage ich vorsichtig nach.

„Ja, nein... also ich stelle nicht mein Leben in Frage, vielmehr stelle ich in Frage, was ich daraus so mache. Es gab immer etwas, auf das ich hingearbeitet habe, ohne groß zu reflektieren, warum eigentlich. Es gab die klassischen Ziele:

Ein Mann, ein fester Job, der Spaß macht, ein Haus, irgendwann Kinder. Und bis auf die Kinder hab ich alles... es wirkt nur gerade so als habe ich vergessen zu leben“, erklärt sie.

„Und das machst Du Dir zum Vorwurf.“, sage ich.

„Ja. Irgendwie schon“, sagt sie, schaut dann aus dem Fenster, überlegt und setzt erneut an, „ich glaube es ist eher der Vorwurf, dass ich nicht glücklich bin. Ich fühle mich so undankbar!“

„Weil Du so viel mehr hast als Andere und es dennoch nicht reicht.“, spiegel ich, was ich verstanden habe.

„Ja! Und das zieht sich so durch! Mir ist immer alles leicht gefallen, ich hatte eine schöne Kindheit mir mangelte es an nichts. Schule war kein Problem und auch das Studium war kein Problem. Ich musste nicht arbeiten, tat es dennoch. Während andere ihr Studium mit 10.000€ Schulden ans Bafögamt abgeschlossen hatten, habe ich 10.000€ gespart. Ich fand direkt nen Job, jetzt habe ich einen unbefristeten Vertrag. Meine Kollegen sind toll. Mein Mann ist wundervoll.“

„Und trotzdem fehlt etwas.“, schließe ich den Gedankengang ab.

„Ja.“

„In Deiner Zusammenfassung geht es viel um Leistung und Erfolg und darum, dass es Dich keine Anstrengung kostet.“

„Na ja, was heißt ‚keine Anstrengung‘, das ist halt der Preis für Erfolg“, erklärt sie mir.

Manchmal haben wir gewisse Ansichten und glauben, die seien „normal“ und daher werden sie nie hinterfragt.

Für Lea ist Anstrengung der Preis für Erfolg, das ist Gesetz und genau deswegen, redet sie auch nicht über ihre Anstrengung, zeigt diese nicht. Gleichzeitig hätte sie sich schon auch Anerkennung dafür gewünscht.

Sie zeigt ihre Anstrengung nicht und ärgert sich darüber, dass diese keiner sieht.

Sie selbst sagt gerne, ihr fiel und fällt alles leicht, sagen das jedoch Andere versetzt ihr das einen Stich.

Diese Ambivalenz zur Verfügung gestellt, löst in ihr ein Gefühl von Scham aus.

Erstaunlich, dass in die kritische Auseinandersetzung mit einem Smiley in einer WhatsApp mehr Zeit investiert wird, als in die kritische Auseinandersetzung eigener Glaubenssätze. Ja. Das ist provokant. Letzteres ist alleine gar nicht so einfach, eben weil sie mit Scham verbunden sind, weil wir uns die Schuld geben oder weil wir unser Verhalten aus (heutiger Sicht) ablehnen.

Okay. Komm zum Punkt was hat das alles mit Sinn zu tun?

1. Lea fühlte sich immer irgendwie außen vor. Ihr Bruder brauchte damals immer schon mehr Aufmerksamkeit, er funktionierte im Gegensatz zu ihr nicht so. Gleichzeitig hatte er viele Freunde im Gegensatz zu ihr, sie fühlte sich immer irgendwie missverstanden von Anderen.

2. Im Studium hatte sie nen Ehrenamt, allerdings nicht aus Überzeugung, sondern für den Lebenslauf. (Verzerrte Sicht aufs Selbst: Diese Aufgabe wird im Nachhinein nicht als Sinnvoll empfunden.)

3. Hobbys hat sie kaum welche. Sie fragt sich manchmal wofür sie wohl brennt und ob es wohl irgendwas gibt, bei dem sie all das drum herum mal vergessen kann.

4. Und zu guter Letzt, erzählt sie ihre Geschichte bisher immer aus der gleichen Perspektive: Ihr ging es immer super, sie ist erfolgreich und somit ist sie wohl einfach undankbar wenn sie sich darüber nicht freuen kann.

Erzählst Du Deine Geschichte auch immer gleich und kommst zu dem Schluss, dass Du halt einfach [ergänze Attribut nach Wahl] warst/bist?